Feb 16

Heidi ist seit einiger Zeit in China und berichtet exklusiv für meingruenerpunktblog.de über ihre Erfahrung mit Alltag, Umwelt und Recycling in einer chinesischen Megalopolis

Vor ungefähr anderthalb Jahren bin ich aufgrund der Auslandsentsendung meines Mannes von Köln nach Shanghai gezogen. China und Deutschland – zwei Länder und Kulturen, die in vielen Bereichen so unterschiedlich sind, wie Tag und Nacht …

Hat man sich jedoch erst einmal halbwegs daran gewöhnt, die eigenen Werte sowie die Vorstellungen von höflichem Miteinander ein wenig zu korrigieren, und wurden die Nerven bei halsbrecherischen Taxifahrten ohne Sicherheitsgurt ausreichend gestärkt, stellt man schnell fest, dass man in Shanghai mit einer guten Portion Humor und Gelassenheit ein sehr friedliches Leben führen kann (Straßenkriminalität gibt es hier so gut wie gar nicht) und trotz (oder gerade wegen?) des Fehlens der deutschen Gründlichkeit viele Dinge erstaunlich unkompliziert laufen. Sie benötigen einen Handwerker am Wochenende? Kein Problem! Sie bestellen einen Maler, der Ihren Holzboden auf dem Balkon neu lackieren soll, stellen aber während der Arbeiten fest, dass Ihr Wasserhahn tropft? Mei Wenti! (Zu Deutsch: Kein Problem!) Mit ein wenig Glück hat der Herr zufällig mal einem Klempner über die Schulter geguckt und versucht nun gerne sein Bestes! Der Maler läuft über den frisch lackierten Holzboden Ihres Balkons, hinterlässt seine Fußabdrücke auf dem Lack und läuft anschließend mit seinen nunmehr frisch lackierten Schuhsohlen durch Ihre Wohnung? Auch das ist alles halb so wild – zumindest für den Maler ;-))

Es gibt Tage, an denen die Sonne gegen den Smog keine Chance hat!
Es gibt Tage, an denen die Sonne gegen den Smog keine Chance hat!

“In China – never ask why!”
Es gibt aber auch viele Dinge in China, die man leider nicht weglächeln und einfach in die Schublade der kulturellen Unterschiede verfrachten kann. Meine ersten Lektionen, die ich hier (von einem Chinesen!) gelernt habe, lauteten „In China – never ask why!“ und „Close your eyes!“ Tatsächlich hilft es hier manchmal sehr, die Augen zu verschließen oder zumindest eines zuzudrücken. Und kulturelle Unterschiede ständig zu hinterfragen, hilft zwar manchmal dem Verständnis auf die Sprünge, kann in China aber auch zum Hochleistungssport ausarten 😉 Allerdings gibt es Bereiche, die man sehr wohl hinterfragen muss und vor denen man die Augen keinesfalls verschließen darf!!!

Der unermüdliche Konsum und seine Folgen
Chinas Bevölkerung besteht zu einem hohen Anteil aus wirtschaftlich sehr schwachen Menschen, einer immer stärker wachsenden Mittelschicht und einigen Multimillionären, bei denen Geld im wahrsten Sinne des Wortes „keine Rolex“ spielt. Diese verschiedenen Bevölkerungsgruppen führen zwar sehr unterschiedliche Leben, haben jedoch eines gemein: Den unbändigen Drang, ständig und viel zu konsumieren! Hinzu kommt ein sehr schlecht ausgeprägter Sinn für nachhaltiges Handeln. Schnell verdientes Geld wird einer langfristigen Kundenbindung in der Regel vorgezogen und Konsumgüter werden nicht für‘s Leben, sondern für den Moment gekauft. Luftverschmutzung und Feinstaubwerte, die deutsche Grenzwerte weit in den Schatten stellen, schlechte Trinkwasserqualität, Pestizide und Schwermetalle in Nahrungsmitteln, Flüsse, in denen das Leben der Vergangenheit angehört, Vermüllte Landschaften… dies sind nur einige traurige Beispiele!

Vermüllter Picknickplatz in einem Park.
Vermüllter Picknickplatz in einem Park.

Sicher, in Deutschland gab es auch solche Zeiten. Meine Mutter ist Jahrgang 1949 und ein Kind des Ruhgebiets. Immer dann, wenn ich ihr berichte, dass die Luft gerade einmal wieder so schlecht ist, dass ich nur mit einer Feinstaubmaske vor die Tür gehe, erzählt sie mir von der Wäsche, die schwarz vom Kohlenstaub war, dem Sonntagsfahrverbot usw. Diese Zeiten gehören in Deutschland zum Glück der Vergangenheit an – umso trauriger und unverständlicher scheint es, wenn man zusehen muss, wie sich eine Gesellschaft im 21. Jahrhundert selbst so zerstört und viele Menschen hier grüne Wiesen, einen blauen Himmel, frische Luft und sauberes Wasser nur von Bildern kennen – bzw. die wohlhabende Schicht immerhin aus dem Urlaub.

In Shanghai leider oft ganz normal: der Sonntagsspaziergang mit Feinstaubmaske.
In Shanghai leider oft ganz normal: der Sonntagsspaziergang mit Feinstaubmaske.

Ein Großteil der Menschen tut im Alltag nichts oder nur sehr wenig, um diesen Zustand zu ändern. Wer es sich leisten kann, fährt mit dem – nicht selten stark motorisierten – Auto durch die Stadt, die bereits heute kurz vor einem Verkehrskollaps steht. Die Vermeidung von (Verpackungs-) Müll ist hier ebenso kein Thema! Einwegverpackungen, Plastiktüten und aufwendige Packmittel werden großzügig eingesetzt. „Cheap, cheap – Hauptsache billig!“ lautet das Motto, und wenn etwas kaputt geht, kauft man es sich einfach neu. Die Wohlhabenden kaufen sich stets die neuesten Elektronikartikel und Autos, und die Märkte für den Durchschnittsbürger quellen über mit Plastikspielzeug, kitschigen Souvenirs, billiger Kleidung usw. Die Wirtschaft brummt – und mein Schädel ebenfalls, wenn ich darüber nachdenke, wie viele Ressourcen alleine für die Herstellung dieser Güter verbraucht werden, wie viele giftige Emissionen aus den produzierenden Betrieben ungefiltert den Smog anreichern und was am Ende mit dem ganzen Zeug geschieht, wenn es nicht mehr gebraucht wird oder kaputt geht.

Muss nur noch kurz die Welt retten… – aber wie? Das lest ihr im nächsten Beitrag.

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