Mär 16

Heidi ist seit einiger Zeit in China und berichtet exklusiv für meingruenerpunktblog.de über ihre Erfahrung mit Alltag, Umwelt und Recycling in einer chinesischen Megalopolis. In Teil 2 schildert sie, wie in China PET-Flaschen gesammelt werden.

Muss nur noch kurz die Welt retten… – aber wie?

Die Regierung hat zumindest erkannt, dass die Luftqualität verbessert werden muss und für die nächsten Jahre Maßnahmen und Ziele – unter anderem im Bereich der erneuerbaren Energien – gesetzt, die zumindest ein wenig Hoffnung machen. Und in der Zwischenzeit kann man nur versuchen, bei sich selbst anzufangen, den Wahnsinn durch möglichst eingeschränkten und nachhaltigen Konsum nicht noch weiter voranzutreiben. Eine E-Mail an unseren Lieferservice für – angeblich pestizidfreies – Gemüse und weitere gesunde Lebensmittel, mit der Aufforderung, Packmittel zu reduzieren und möglichst wieder zu verwenden, hat zumindest schon Früchte getragen: Auf der Website befindet sich nun ein entsprechender Hinweis, dass Luftpolsterfolien & Co. zurückgenommen und wiederverwendet werden.

Picker in Shanghai bei ihrer täglichen Arbeit
Picker in Shanghai bei ihrer täglichen Arbeit
Picker in Shanghai bei ihrer täglichen Arbeit
Picker in Shanghai bei ihrer täglichen Arbeit
Picker in Shanghai bei ihrer täglichen Arbeit
Picker in Shanghai bei ihrer täglichen Arbeit
Picker in Shanghai bei ihrer täglichen Arbeit
Picker in Shanghai bei ihrer täglichen Arbeit

Eine meiner ersten Fragen, die ich mir gestellt habe, als ich nach Shanghai zog, war: „Was mache ich hier nur mit den Unmengen von PET-Flaschen und Getränkedosen, die ich täglich leere?“ (Und nein, hier gibt es keine Mehrwegflaschen, auch kein Mineralwasser in Glasflaschen – und über den Konsum von Wasser aus der Leitung denke ich noch nicht einmal nach.) Und was ist mit Papier und Pappe? Ich, als Bürger des Mülltrennlandes Nr. 1, konnte es mit meinem Gewissen nicht vereinbaren, diese Wertstoffe einfach zusammen mit Küchenabfällen und sonstigem „Restmüll“ in eine Tonne zu werfen. In Deutschland gehört Mülltrennung inzwischen zum Alltag. Es ist ein Automatismus, die Wertstoffe getrennt zu entsorgen – und das ist auch gut so!

Hier in Shanghai gibt es zwar keine funktionierende Getrenntsammlung (es gibt zwar tatsächlich in einigen Wohngebieten verschiedene Tonnen, jedoch fehlt es an Aufklärung und am Ende wohl auch an einer fachgerechten Sammlung und möglicherweise auch Verwertung), aber es gibt tatsächlich eine Gruppe von Menschen, die sich für die Wertstoffe interessiert. Man sieht sie an jeder Ecke – die Picker! Sie wühlen ebenso in den öffentlichen Abfalltonnen wie in den Mülltonnen der privaten Haushalte und holen sich verschiedene Wertstoffe heraus.

Hauptsächlich werden PET-Flaschen, Pappe und Papier, Getränkedosen sowie Glas gesammelt. Entgegen der Empfehlung, besser nichts zu hinterfragen, schwirrte dennoch ein „Why?“ in meinem Kopf herum, also die Frage: „Warum tun diese Menschen das und was passiert mit dem Gesammelten?“ Teil 1 dieser Frage konnte ich mir relativ schnell beantworten, denn das „Warum“ ist ganz einfach: Für die Picker geht es nur um eines, nämlich um Geld. Es handelt sich in der Regel um ältere Menschen aus einer sehr armen Bevölkerungsschicht.

„Wertstoffhof“ in Shanghai. Hier werden die gesammelten Wertstoffe verwogen und zu Geld gemacht.
„Wertstoffhof“ in Shanghai. Hier werden die gesammelten Wertstoffe verwogen und zu Geld gemacht.
„Wertstoffhof“ in Shanghai. Hier werden die gesammelten Wertstoffe verwogen und zu Geld gemacht.
„Wertstoffhof“ in Shanghai. Hier werden die gesammelten Wertstoffe verwogen und zu Geld gemacht.
„Wertstoffhof“ in Shanghai. Hier werden die gesammelten Wertstoffe verwogen und zu Geld gemacht.
„Wertstoffhof“ in Shanghai. Hier werden die gesammelten Wertstoffe verwogen und zu Geld gemacht.
„Wertstoffhof“ in Shanghai. Hier werden die gesammelten Wertstoffe verwogen und zu Geld gemacht.
„Wertstoffhof“ in Shanghai. Hier werden die gesammelten Wertstoffe verwogen und zu Geld gemacht.
„Wertstoffhof“ in Shanghai. Hier werden die gesammelten Wertstoffe verwogen und zu Geld gemacht.
„Wertstoffhof“ in Shanghai. Hier werden die gesammelten Wertstoffe verwogen und zu Geld gemacht.
„Wertstoffhof“ in Shanghai. Hier werden die gesammelten Wertstoffe verwogen und zu Geld gemacht.
„Wertstoffhof“ in Shanghai. Hier werden die gesammelten Wertstoffe verwogen und zu Geld gemacht.

Aber wie kommen sie an ihr Geld? Wer kauft ihnen die Wertstoffe ab, und was passiert mit dem Gesammelten? Die Antwort auf meine zweite Frage erhielt ich eher zufällig, bei einem Spaziergang durch eine alte chinesische Gasse. Von denen gibt es in Shanghai übrigens immer weniger, da die Menschen aus ihren Siedlungen im Stadtzentrum vertrieben und an den Stadtrand umgesiedelt werden, um alte Straßen mit kleinen Häuschen für den Bau von Wohn- und Bürogebäuden zu nutzen. In einer dieser Gassen fand ich sie, die Antwort auf meine Frage! An einer Straßenecke stand ein kleiner „Wertstoffhof“ in Form einer Dame, einer Waage und mehreren Big Bags, in denen PET-Flaschen lagen. Hier werden gesammelte Wertstoffe der Picker verwogen und zu ein paar Yuan gemacht.

Wie viel Geld man für die Wertstoffe bekommt, konnte ich nicht herausfinden, eine relativ verlässliche Quelle berichtete von ca. 100 Yuan im Monat, was ca. 15,- Euro entspricht – eine ernüchternde Bilanz, wenn man sich überlegt, welch ein enormer Aufwand hinter diesem Geschäft steckt. Es bricht einem fast das Herz, wenn man sieht, welche Strapazen die – meist recht alten und oft gebrechlichen– Menschen auf sich nehmen, um ein paar Yuan zu verdienen. Dick vermummt, mit einem Mundschutz durchwühlen sie den Müll. Ich weiß natürlich, dass es nicht allein in meiner Macht steht, all diesen Menschen zu helfen, aber ich bemühe mich, zumindest ihr tägliches Leben zu erleichtern. Mein Motto lautet: „Für meine Wertstoffe muss niemand im Müll wühlen!“ Ich sortiere daher zu Hause sauber nach PET, weiteren Kunststoffen, Weißblech und Pappe/Papier. Diese sammele ich in unterschiedlichen Tüten und werfe sie nicht in die große Tonne, sondern stelle sie neben die Mülltonnen in unserer Straße bzw. drücke sie direkt einem Picker in die Hand, wenn ich ihm zufällig begegne.

Meine kleine PET-Schatzkiste für die Picker.
Meine kleine PET-Schatzkiste für die Picker.

Und das ist für mich ehrlich gesagt einer der schönsten Momente, wenn ich einem dieser Menschen, die wirklich sehr hart für sehr wenig Geld arbeiten, ein Lächeln ins Gesicht zaubern kann und obendrauf noch ein sehr freundliches „Xiexie“ (Danke!) zu hören bekomme. Mir ist klar, dass dies alles nur sehr kleine Schritte sind und ich damit sicher nicht China oder gar die Welt retten kann – aber zumindest habe ich neulich einen meiner chinesischen Nachbarn dabei beobachtet, wie er ebenfalls die PET-Flaschen gesondert neben dem Müll platziert 😉

Die Antwort auf den letzten und fast wichtigsten Teil meiner Frage habe ich allerdings noch nicht erhalten. Nämlich die Antwort darauf, was mit den gesammelten Wertstoffen am Ende eigentlich geschieht. Böse Zungen behaupten, dass es im Norden Chinas große Deponien gibt, wo all die Wertstoffe lagern. Einige sagen, dass alles verbrannt wird, Optimisten hingegen behaupten, dass alles recycelt wird und andere wissen angeblich gar nichts oder weichen solchen Fragen aus. Vielleicht erhalte ich eines Tages eine Antwort auf meine Frage und bis dahin versuche ich einfach, China ein ganz kleines bisschen besser zu machen.

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