Dez 19

Kunststoff oder Plastik ist in Verruf geraten: Aus Erdöl, also einer endlichen fossilen Ressource hergestellt, lässt sich der Werkstoff zwar grundsätzlich recyceln – in der Praxis aber passiert noch viel zu wenig. Also wird er meist verbrannt. Oder er gelangt sogar ungeregelt in die Umwelt. Viele Hersteller suchen daher nach Alternativen. Immer wieder werden „Biokunststoffe“ oder „Bioplastik“ als die nachhaltige Alternative genannt. Doch stimmt das? Was ist davon zu halten?

Wenn Hersteller auf der Suche nach einem Material für Verpackungen sind, das Kunststoff ersetzen kann, wird – neben Papier, Pappe oder Karton – oft sogenanntes Bioplastik oder Biokunststoff genannt. Das Material werde nicht aus Erdöl hergestellt und zerfalle, wenn es in die Umwelt gelangen sollte, rückstandslos zu CO2 und Wasser. Ist das also die Lösung für die „Plastikkrise“?

Eine einfache Lösung gibt es nicht und Biokunststoffe sind jedenfalls keine Lösung. Erstmal gilt es zu klären, was unter „Bioplastik“ eigentlich zu verstehen ist. Die Grafik zeigt eine Unterteilung der Kunststoffe nach den Kriterien „biologisch abbaubar oder nicht“ und „aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt oder nicht“. Konventioneller Kunststoff wird aus Erdöl oder Erdgas hergestellt und ist biologisch nicht abbaubar.

Schema der Kunststoffe nach den Eigenschaften biologisch abbaubar bzw. aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt

Bei „Bioplastik“ denken die meisten, es handele sich um Kunststoff, der aus pflanzlichen Rohstoffen (etwa Mais- oder Kartoffelstärke) hergestellt ist und biologisch abbaubar ist. Es gibt aber Kunststoffarten, die aus Erdöl hergestellt und gleichzeitig biologisch abbaubar sind. Auch diese werden landläufig „Bioplastik“ genannt.

Normen für Biokunststoffe und die Realität

Ob sich ein Kunststoff „biologisch abbaubar“ nennen darf, regeln Normen, etwa die EN 13432. Diese Norm besagt, dass nach drei Monaten Kompostierung und anschließender Absiebung durch ein Sieb mit zwei Millimetern Lochstärke nicht mehr als zehn Prozent Rückstände bezogen auf die Originalmasse verbleiben dürfen. Kunststoffverpackungen, die dieser Norm entsprechen, dürfen das „Keimling“-Zeichen tragen. Die Hersteller werben damit, die Verpackung könne über die Biotonne der Kompostierung zugeführt werden.

Der „Keimling“ kennzeichnet Produkte, die der Norm für biologisch abbaubare Kunststoffe entsprechen.

In der Praxis lässt sich dieses Versprechen aber nicht halten: Der in den Biotonnen gesammelte Abfall wird in industriellen Anlagen verrottet. Der Prozess dauert heutzutage meist nicht länger als 14 Tage. Viel zu wenig Zeit, als dass sich „Bioplastik“ zersetzen könnte, auch wenn es der Norm entspricht. Der Kunststoff wäre also im Kompost noch enthalten. Die Kompostierungsanlagen entfernen daher soweit möglich jeden Kunststoff aus dem angelieferten Abfall und die weitaus meisten Kommunen untersagen, irgendeine Art von Kunststoff in die Biotonne zu geben, egal ob kompostierbar oder nicht.

Biokunststoffe sind nicht recyclingfähig

Damit gehören diese Verpackungen wie alle Kunststoffverpackungen nach Gebrauch in die Gelbe Tonne bzw. den Gelben Sack. Bioplastikarten wie z. B. PLA („Polymilchsäure“) lassen sich theoretisch sogar recyceln. Theoretisch – denn in der Praxis ist das Aufkommen dieses Materials so gering, dass es sich nicht lohnt, in den Sortieranlagen, die den Verpackungsabfall sortieren, eine Maschine aufzustellen, die PLA aussortiert. Deshalb landet es in der energetischen Verwertung, wird also bestenfalls zu einem Brennstoff. Das ist nicht mal die schlechteste Lösung: Besteht der Kunststoff aus nachwachsenden Rohstoffen, so gibt er bei der Verbrennung nur so viel CO2 in die Atmosphäre ab, wie die Pflanze aufgenommen hat, aus der er hergestellt ist.

Das gilt natürlich nicht für kompostierbare Kunststoffe, die aus Erdöl hergestellt sind. Da sie nicht recyclingfähig sind und verbrannt werden müssen, belasten sie das Klima mit zusätzlichem Treibhausgas. Keine gute Lösung.

Sinnvolle Anwendungen für Biokunststoffe

Haben kompostierbare Kunststoffe also keine Berechtigung? Doch! Es gibt Plastikprodukte, die im Gartenbau oder in der Landwirtschaft verwendet werden und im Boden verbleiben. Mulchfolien zum Beispiel oder manchmal auch Pflanztöpfe. Wenn diese sich rückstandslos zersetzen, ist das natürlich sinnvoll. Ob das mit den heute verfügbaren kompostierbaren Kunststoffen funktioniert, ist aber nicht sicher. Es gibt weitere Normen, darunter auch eine für „Home Composting“. Kunststoffe, die diese erfüllen, sollen sogar auf dem heimischen Kompost im Garten zerfallen. Allerdings kommt eine britische Studie zu dem Schluss, dass das nicht oder nicht immer funktioniert.

In Verpackungen machen kompostierbare Kunststoffe keinen Sinn. Die beste Ökobilanz hat Kunststoff, der sich optimal recyceln und damit mehrfach nutzen lässt. Selbst „Biokunststoffe“, die aus Pflanzenmaterial hergestellt werden, sind ökologisch nicht besser als stinknormales Plastik, meint zum Beispiel das Umweltbundesamt. Selbst beim Thema Klimaschutz ist ihr Vorteil geringer, als viele denken. Denn für den Anbau von Mais und Co. wird natürlich Diesel für den Traktor verbraucht oder Ackerchemie, die zumindest teilweise aus Erdöl hergestellt wird. Und gerade dieser Chemieverbrauch und die großen Monokulturen, in denen z. B. Mais angebaut wird, lassen die Ökobilanz von „Bio“-Plastik ganz schlecht aussehen.

Ganz normales Plastik, aber aus pflanzlichen Rohstoffen

Es gibt noch eine Gruppe von Biokunststoffen, die wir uns noch nicht angeschaut haben: Plastik, das aus nachwachsenden Rohstoffen, also aus Pflanzen hergestellt wird, das aber nicht biologisch abbaubar ist. Sogar Standardkunststoffe, etwa Polypropylen, aus dem man Joghurtbecher macht, lassen sich heute aus pflanzlichen Rohstoffen herstellen. Und diese lassen sich genauso recyceln wie die Standardkunststoffe selbst – das Polymer ist identisch, lässt sich nicht unterscheiden.

Bleibt das Anbauproblem. Längst arbeiten Forscher daran, solche Kunststoffe nicht aus der Frucht, sondern aus Abfall wie Stroh herzustellen. Wenn das gelänge, dann hätte dieser Kunststoff tatsächlich einen Vorteil gegenüber „normalem“ Plastik. Doch das ist Zukunftsmusik.

Bis dahin gilt: Vorsicht vor sogenanntem „Bioplastik“. Es stellt keine vernünftige Alternative zu herkömmlichem Kunststoff dar. Von offizieller Seite wird sogar davor gewarnt.

Doch wie geht man nachhaltig mit Kunststoff und Kunststoffverpackungen um? So wenig wie möglich davon einsetzen und so viel wie nötig, um das Produkt vor Beschädigung oder Verderb zu schützen. Und: Kunststoffverpackungen sollten sich optimal recyceln lassen, damit der Werkstoff immer wieder genutzt werden kann.

Ein Kommentar zu “Biokunststoffe und kompostierbare Verpackungen”

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